
Foto von Andreas Schmidt auf der re:publica
Alles nur noch Reaktion
Die re:publica, Europas größte Digitalmesse, ist auch deshalb meine Lieblingskonferenz, weil sie ein Klassentreffen ist. Viele Journalisten, Creators und Internetmenschen treffen sich, diskutieren und schauen sich Talks an. Dieses Mal war ich mit meiner Schwester da, was das Ereignis noch schöner gemacht hat. Eigentlich. Denn auch wenn die Konferenz das Motto “Never gonna give you up” hatte, waren die wirklich spannenden Talks vor allem eines: Reaktion! Reaktion auf den Rechtsrutsch, Reaktion auf die KI-Pandemie, Reaktion auf den Untergang des Westens. Ganz so groß werde ich in diesem Newsletter nicht. Aber wir sollten uns die Frage stellen, wie wir es schaffen, nicht nur zu reagieren. Als Personen, als Gruppen, als Gesellschaft.
Aber wir sollten uns die Frage stellen, wie wir es schaffen, nicht nur zu reagieren. Als Personen, als Gruppen, als Gesellschaft.
Die Einschläge kommen näher - auch ins Lehrerzimmer
Zugegeben: Dass ich die Digitalkonferenz als so deprimierend wahrgenommen habe, liegt auch an meiner Auswahl der Talks. Arne Semsrott sprach in einem Talk, bei dem ich nicht dabei sein konnte, über Gegenmacht. Das hätte ich mir anschauen sollen (und werde es auch noch tun). Arne, mit dem ich übrigens auch schon darüber gesprochen habe, wie Lehrkräfte Widerstand leisten können, ist ein gutes Beispiel dafür, dass die autoritäre Wende jetzt schon passiert: Die Lesung seines Buches in der Stadtbibliothek wurde abgesagt, weil das Buch zu “provokativ” sei. Lasst das mal sacken und wir lesen derweil, worum es in seinem Buch “Gegenmacht” geht:
Was tun? Arne Semsrott zeigt in seinem neuen Buch anhand zahlreicher konkreter Beispiele, wie wir aus der Defensive in die Offensive kommen, u. a. mit:
strategischen Rechtskämpfen,
solidarischer Sorgearbeit,
eigenen Räumen,
mutigen Streiks und dem Aufbau kollektiver Macht,
zivilgesellschaftlicher Krisenhilfe,
dem Kampf für eine gerechte Verwaltung statt des Bürokratieabbaus für Reiche,
Volksentscheiden,
Begeisterung und Humor.
Ich bekomme selbstverständlich kein Geld von Arne dafür, dass ich das hier so lang und breit ausführe. Es geht darum, dass wir verstehen müssen, dass es längst nicht mehr 5 vor 12 ist. Und das werden auch jene von euch wissen, die in Lehrerzimmern unterwegs sind, wo Leute darüber anfangen, darüber zu sprechen, dass doch “einige Ideen der AfD” ganz gut sein. Dazu kann man immer nur das sagen, was ich in der Analyse des Regierungsprogramms schrieb: “Wenn mein Kaffee vergiftet ist, dann ist der Hinweis, dass er aus sehr leckeren Bohnen gebraut wurde, wenig hilfreich. Ich werde ihn auf jeden Fall nicht trinken!”
Um nicht genau denselben Fehler zu machen, den wir gerade auf den verschiedensten Ebenen von Politik und Medien sehen, nämlich zu versuchen, autoritäre Takes zu kopieren, erfolgen auch Ideen dazu, was wir tun können. Allerdings ist es trauriger Teil der Realität, dass wir anerkennen müssen, dass es keine dystopischen Szenarien mehr sind, über die wir sprechen. Momentan hat die AfD die meisten Stimmen in den Sonntagsfragen und kommt gefährlich nah an eine Mehrheit in Sachsen-Anhalt. Wir müssen uns also damit befassen, was wir tun können. Mit rechtsextremen Schülerinnen und Schülern in der Klasse, aber auch als einzelne Lehrpersonen.
Wenn mein Kaffee vergiftet ist, dann ist der Hinweis, dass er aus sehr leckeren Bohnen gebraut wurde, wenig hilfreich.
Was wir nun tun können
Sally Lisa Starken kennt sich mit Radikalisierung und Radikalen aus. In ihrem Talk spricht sie darüber, wie wichtig es ist, mit den Menschen im engen Umkreis zu sprechen und sie nicht verloren zu geben.
Speziell für Lehrkräfte, gerade für verbeamtete, gibt es unterschiedliche Punkte, die sich lohnen, genau jetzt anzuschauen:
Sich in Gewerkschaften organisieren, um rechtlichen und politischen Rückhalt zu haben.
Solidargemeinschaften im Kollegium aufbauen, damit Druck nicht einzelne Lehrkräfte isoliert trifft.
Von der Möglichkeit der Remonstration Gebrauch machen: Beamt:innen können Anweisungen schriftlich beanstanden, wenn sie diese für rechtswidrig halten. Je mehr Leute aus dem Kollegium dabei sind, desto wirkungsvoller. Denn die Beanstandungen müssen geprüft werden.
Problematische Vorgänge dokumentieren und juristisch prüfen lassen.
Demokratische Bildung, Quellenkritik und Menschenrechte im Unterricht stärken.
Ich sage es noch einmal: Wir dürfen nicht in Alarmismus verfallen, aber die Zeit, sich darüber zu informieren, wie man aktiven oder passiven Widerstand leistet, ist jetzt.
Die Zeit, sich darüber zu informieren, wie man aktiven oder passiven Widerstand leistet, ist jetzt.
Performative Inszenierungen
Da ich in diesem Newsletter laut denke, möchte ich an dieser Stelle noch eine Art (Selbst-)Kritik an der Online-Gemeinschaft üben. Das ist gar nicht so leicht, da ich sowieso das Gefühl habe, dass sich die demokratische Mitte, falls es sie überhaupt geben sollte, gegenseitig zerfleischt. An anderer Stelle schrieb ich darüber, dass es - im Sinne von Marina Weisband - auch eine Art “demokratischen Populismus” geben müsste. Ich zitiere mal einen Teil:
Aber ohne eine wirksame, verständliche, plakative und emotionale Erzählung wird dem populistischen Rechtsradikalismus (insofern diese Zusammensetzung das Spiel der AfD beschreibt) kein Gewicht entgegengesetzt.
Andererseits nerven mich die sozialmedialen performativen Praktiken zunehmend. Auch und gerade im Bildungsbereich. Das Problem ist, dass man keinem in den Kopf schauen kann. Ich weiß nicht, ob jemand eine bestimmte Welle reitet, sich selbst inszeniert oder tatsächlich ein Interesse an der Sache, also am demokratischen Diskurs und dem Widerstand hat. Auch weiß ich nicht, gerade wenn ich selbst poste, ob dies eine Wirkung hat. Manchmal kommen Menschen nach Moderationen oder Vorträgen zu mir und sagen, dass ein Video ihnen Mut gemacht hat oder sie darin bestärkt hat, selbst aktiv zu werden. Das ist großartig. Deshalb kann ich es anderen nicht absprechen, selbst Videos zu machen, in denen wichtige Botschaften stark verkürzt werden.
Zudem ist das, was mich zunehmend nervt, also diese Art der moralischen Selbstinszenierung etwas, das mir auch vorgeworfen wurde. Ich rechtfertige die Teilnahme an der aufmerksamkeitsökonomischen Maschine damit, dass es mir um die Minderheit geht, die, wenn sie einmal da ist, die langen Fassungen meiner Tätigkeit mitnehmen: Also Podcasts, Newsletter (schön, dass ihr dabei seid) oder Bücher. Ob das taugt? Ich weiß es nicht. Immer öfter habe ich das Gefühl, ich würde weniger Content machen, wenn ich nicht das Gefühl hätte, es zu müssen, damit die Dinge, die mir wichtig sind, auch wirklich dort ankommen, wo man sie wertschätzt.
Does that make sense? Wie immer: Schreibt gerne eure Gedanken an: [email protected] Im Gegensatz zu den vielen Kommentaren lese ich all eure Mails und versuche zu antworten.
Mediale Wortmeldungen
Wo wir schon über Widerstand und die re:publica sprechen: Ich habe dort wieder einen Talk gehalten. Sehr nerdig, sehr meta, aber für alle, die sich weder unkritisch dem Versprechen von KI als Wunderlösung im Bildungssystem hingeben noch einfach jedem Hype nachjagen wollen.
Ansonsten habe ich mit meinem Stammgast Jan Vedder im Podcast “Netzlehrer” darüber gesprochen, wie man Veränderung startet. Der gute Jan hat dazu nämlich ein Buch geschrieben.
Und außerdem weise ich ja gerne auf meine Kolumne bei web.de hin, weil diese sich aus meiner Sicht für die Schule eignet. Zum Beispiel zu dem Problem, dass Männer zunehmend Frauen mit Smart-Gläsern filmen und online stellen. Und darüber, dass der tote Wal schon vor seinem Ableben in der Aufmerksamkeitsökonomie zerstückelt wurde, und was das für unseren Klimadiskurs heißt.
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