
Keine Wette verloren, keine Midlifecrisis, aber rosa Haare
Woher wollen wir wissen, was wir wissen wollen?
Wir müssen nochmal über KI reden. Aber Stay with me: Der Gedanke ist eingängig, aber wichtig. Momentan fluten so viele Texte das Netz, in denen es um die verschiedenen Funktionen von KI geht, dass es schier unmöglich ist, den Überblick zu wahren. Vor allem aber finde ich es zunehmend müßig, mir Texte durchzulesen, die noch eine größere, wichtigere oder innovativere Perspektive auf KI werfen. Das ist schade, denn KI-Nutzung sinnstiftend zu gestalten, bleibt eine wichtige Aufgabe. Diese darf sich aber nicht in technozentrierten Sichtweisen erschöpfen, sondern muss, gerade bei Lernen und Bildung, Kontext mitdenken. Und genau dies ist Teil eines einfachen Gedankens, den ich an dieser Stelle teilen möchte. Dieser formuliert KI als ein Instrument der Zweckmäßigkeit, was gleichsam Potenziale einbindet, aber eben auch Grenzen aufzeigt. Darum geht es im Essay dieses Newsletters. Dazu einige Hinweise auf vielleicht Spannendes zum Weiterlesen oder - schauen.
Übrigens: Am Sonntag, den 21.06. bin ich in einer illustren Runde beim Presseclub. Schaut doch gerne mal rein!
Künstliche Intelligenz ist ein Instrument der Zweckmäßigkeit. Das klingt unspektakulär. Aber der ganze Punkt steckt in diesem einen Wort.
Künstliche Intelligenz ist ein Instrument der Zweckmäßigkeit. Das klingt unspektakulär. Aber der ganze Punkt steckt in diesem einen Wort.
Zweckmäßig, nicht zwecksetzend
Zweckmäßigkeit heißt: Etwas dient einem Zweck. Das Instrument kommt nach dem Zweck, nie davor. Ein Navigationsgerät ist großartig, sobald ich weiß, wohin ich will. Es findet die schnellste Route, es kennt die Baustelle vor mir, und manchmal lotst es mich über eine Straße, die ich von allein nie genommen hätte. Es kann mich genau dorthin schauen lassen, wo ich nicht hingeschaut hätte. Ein Navigationsgerät im Urlaub wäre dann nicht sinnvoll, wenn man flaniert, die Umgebung entdeckt und auf dem nicht definiertem Weg stehenbleibt, um sich zu orientieren oder zu verweilen.
Denn das kann ein Navi nicht: irgendwohin wollen. Es wartet darauf, dass ich ein Ziel eingebe. Die ganze brillante Maschinerie springt erst an, wenn ich vorher entschieden habe, dass ich überhaupt losfahren will — und in welche Richtung. Das Wollen liegt vor dem Werkzeug. Und es bleibt bei mir. Genau das meine ich mit Instrument der Zweckmäßigkeit. KI hilft bei einem gesetzten Ziel, sie hilft auf dem Weg, sie öffnet sogar Seitenstraßen. Aber sie hilft nicht bei dem, was vor dem Ziel kommt: bei der menschlichen Orientierung, die aus sich selbst heraus erwachsen muss.
In einer immer noch aktuellen und anregenden Festrede formulierte der mittlerweile verstorbene Philosoph Peter Bieri seinen Anspruch an Bildung, indem er diese von Ausbildung abgrenzte:
"Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden - wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein."
Wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein
Und auch er arbeitet mit Wegen, Richtungen, indem er sagt:
"Bildung beginnt mit Neugierde. Man töte in jemandem die Neugierde ab, und man stiehlt ihm die Chance, sich zu bilden. Neugierde ist der unersättliche Wunsch, zu erfahren, was es in der Welt alles gibt. Sie kann in ganz verschiedene Richtungen gehen: hinauf zu den Gestirnen und hinunter zu den Atomen und Quanten; hinaus zu der Vielfalt der natürlichen Arten und hinein in die phantastische Komplexität eines menschlichen Organismus;"
Neugierde ist der unersättliche Wunsch, zu erfahren, was es in der Welt alles gibt.
Dies ist kein kulturpessimistischer Text: Wenn ich etwas erfahren will und weiß, was es ist, kann die KI mir dabei helfen. Dafür muss ich es aber wissen und wollen. Das eine darf mit dem anderen nicht verwechselt werden, auch und gerade in der Schule.
Die Verwechslung
Weil das Mittel so gut ist, fangen wir an, es mit der Richtung zu verwechseln. Weil die Maschine uns so zuverlässig irgendwohin bringt, trauen wir ihr zu, uns auch zu sagen, wohin wir wollen sollen. Wir verwechseln Zweckmäßigkeit mit Orientierung.
Deshalb ist Quatsch zu sagen, man bräuchte nichts mehr wissen. Wie soll ich wissen, was ich wissen will, bevor ich weiß, was es alles gibt?
Wie soll ich wissen, was ich wissen will, bevor ich weiß, was es alles gibt?
Die rein funktionalistische Betrachtung von KI — was kann das Ding, wie schnell, wie gut? — übersieht das Entscheidende. Sie übersieht, dass es eine Haltung braucht, die sich orientieren will. Die lernen will. Die sich weiterentwickeln will. Diese Haltung ist kein Output. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass ein Output überhaupt einen Sinn ergibt.
Warum ich immer wieder bei Rosa lande
Jetzt verstehe ich auch, warum ich in meinen Texten ständig auf Hartmut Rosa und seine Resonanztheorie zurückkomme. Das, was Rosa als Resonanz definiert, entzieht sich der reinen Zweckmäßigkeit, nicht nur, aber auch in der Bildung.
Rosa beschreibt Resonanz als eine Form, in Beziehung zur Welt zu treten — ein wechselseitiges Antworten, das Gegenteil von Entfremdung. Und das Entscheidende: Resonanz lässt sich nicht erzwingen, nicht planen, nicht auf Abruf herstellen. Sie ist, in Rosas Wort, unverfügbar. Genau hier liegt der Gegensatz, der mir vorher gefehlt hat. Der große Antrieb unserer Zeit ist die Verfügbarmachung — alles soll erreichbar, steuerbar, abrufbar sein. Und KI ist das schärfste Werkzeug der Verfügbarmachung, das ja gebaut wurde.
Die Haltung aber, aus der heraus ein Zweck überhaupt erst entsteht, ist nicht verfügbar. Sie wächst aus etwas, das sich dem Zugriff entzieht. Man kann sie nicht eingeben wie ein Ziel.
Die Auslagerung von Leidenschaft
Es gibt eine Frage, die ich mir in dem Moment gestellt habe, als mir der Gedanke kam, und sie bringt alles auf den Punkt: Würdest du deine Leidenschaft outsourcen wollen? Natürlich nicht! Und die interessante Frage ist: warum nicht? Wieso sollte die Maschine nicht das Bild malen, wenn es danach doch viel professioneller aussieht? Das Lied singen, wenn sie doch jeden Ton trifft? Als Roboter für dich Fußball spielen, wenn sie doch sehr viel mehr Tricks beherrscht?
Würdest du deine Leidenschaft outsourcen wollen?
Die Maschine könnte vermutlich etwas produzieren, das aussieht wie das Ergebnis von Leidenschaft. Aber eine Leidenschaft, die ich nicht selbst habe, ist nicht meine. Das Wollen ist nicht das Beiwerk — es ist der Kern. Wer seine Begeisterung auslagert, hat am Ende ein Produkt und keine Beziehung mehr zu dem, was er tut.
Hier kommt der erwartbare Einwand: Aber KI inspiriert doch! Sie schlägt Ziele vor, sie weitet den Horizont, sie zeigt mir Möglichkeiten, die ich nicht kannte. Ja, das tut sie. Oder sie kann, wenn man sie beherrscht. Sie zeigt mir Straßen. Aber gezeigt zu bekommen ist nicht dasselbe wie zu wollen. Ein Vorschlag trifft nur den, der schon orientiert genug ist, um sich davon bewegen zu lassen. Die Empfänglichkeit ist meine. Die Maschine kann das Streichholz reichen — brennen muss es in mir.
Woher ich weiß, was ich noch nicht weiß
Bleibt die Frage, die mich am Anfang am meisten umgetrieben hat: Woher will ich wissen, was ich noch nicht weiß?
Bekannte Lücken kann die Maschine glänzend füllen — frag sie etwas, und sie antwortet. Aber der Wille, das Unbekannte überhaupt zu suchen, dieser Hunger, kommt vor jeder Eingabe. Er ist die Haltung. Gut ist es, wenn diese Haltung klar ist — denn aus ihr erwächst erst die Möglichkeit eines späteren Zwecks. Erst kommt das Sich-orientieren-Wollen, dann das Ziel, dann das Instrument. Wer die Reihenfolge umdreht und beim Instrument anfängt, bekommt perfekte Antworten auf Fragen, die er nie hätte stellen wollen.
Das alles ist für mich deshalb für den Bildungsbereich so wichtig, weil zwischen all dem, was man über KI liest, Zweckmäßigkeit in einen Selbstzweck zu verfallen droht. Ab dann wird es selbstreferenziell und letztlich belanglos. Ich würde immer dafür sein, neue technische Errungenschaften, zumal solch revolutionäre reflektiert zu nutzen. Aber Bildung beinhaltet das Paradox, dass sie gleichzeitig Ziel und Voraussetzung für ihre Erlassungen ist. Und wenn wir sie zu früh verzweckmäßigen, dann lernen Kinder etwas schneller, besser, genauer und individueller, ohne zu verstehen, was es mit ihnen zu tun hat. Und das kann nicht unser Anspruch sein.
Woher will ich wissen, was ich noch nicht weiß?
Mediale Wortmeldungen
Ich finde es ja immer wieder spannend, dort zu Wort zu kommen, wo man es nicht vermuten würde. Zum Beispiel in der Men’s Health. Aber auch Papas wollen wissen, wie das Kind gut durch die Schule kommt.
Und es gibt wieder einen Vortrag von der re:publica: Sehr nerdig, sehr meta, aber für alle, die sich weder unkritisch dem Versprechen von KI als Wunderlösung im Bildungssystem hingeben noch einfach jedem Hype nachjagen wollen.
Und außerdem gab es wieder Kolumnen bei web.de, die man für sich lesen oder in der Schule verwenden kann. Da gibt es die freche Idee, Bundesaltenspiele zu veranstalten, was als Debattenbeitrag zeigen sollte, dass der Grund für die Wiedereinführung des Wettkamps bei den Bundesjugendspielen scheinheilig ist. Dann mal was Schönes: Die ganze Welt hat den Ohrwurm “Gut genug”, und das ist endlich mal eine Botschaft, die wir alle brauchen. Und gerade für Schüler relevant: Es gibt einen Streamer, der zum neuen Hassobjekt zu werden droht. Bitte nicht!
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