“Wie plant man das Unplanbare?”

An diesem Morgen ist offiziell geworden, dass mein erstes Elternbuch “Wie kommt mein Kind gut durch die Schule?” auf Platz 3 der SPIEGEL-Bestsellerliste gelandet ist. Ich bin merkwürdig ruhig. Manchmal denke ich, ich müsste mich noch mehr freuen, im Zimmer rumtanzen, sowas. Aber ich mag auch die ruhige Freude. Sie erlaubt mir, diesen Newsletter für euch zu schreiben. In diesem möchte ich über zwei Dinge sprechen: Über Irritation als Möglichkeit des Lernens. Und über das Verschwinden von Spielräumen.

Ich weiß nicht, wie es bei euch ist, aber das, woran man sich am meisten erinnert von seiner eigenen Schulzeit, sind oft jene Begebenheiten, die nicht geplant waren. Die feurigen Debatten, Klassenfahrten, gemeinsame Erlebnisse. Manchmal auch die “Laberstunden”. An Arbeitsblätter erinnere ich mich nicht nicht. Ist die Konsequenz, keine Arbeitsblätter mehr zu verwenden? Wahrscheinlich nicht (auch wenn ich nie jemand war, der sie gerne genutzt hat). Dennoch ist es aus meiner Sicht sinnvoll, darüber nachzudenken, wie man das Unplanbare plant. Denn dort passiert die Magie. Mehr in diesem Newsletter.

Inhaltsverzeichnis

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Vom Verschwinden des Spielraums

Wenn ihr mir schon länger folgt, wisst ihr vielleicht, dass ich den Soziologen Hartmut Rosa sehr schätze. Während es Menschen gibt, die Ausführungen für vage, ungenau und zu wenig empirisch halten, ergeben sie für mich immer Anlass zum Weiterdenken. In seinem neuen Buch "Situation und Konstellation” beschreibt Rosa die Tendenz der modernen Gesellschaft, Spielräume einzuengen. Damit gebe es weniger Möglichkeiten, zu urteilen. Die Menschen würden zu Vollziehenden und weniger zu Tätigen. Das ist eine krasse Vereinfachung, logisch. Aber allein dies mag den einen oder die andere von euch an Schule erinnern. Dort, wo alles regelbasiert festgelegt ist, verschwindet die Möglichkeit der gemeinsamen Entdeckung. Aber das ist es doch, was Lernen so spannend, aufregend und anregend macht.

Dort, wo alles regelbasiert festgelegt ist, verschwindet die Möglichkeit der gemeinsamen Entdeckung.

Bob Blume

Nun gibt es nicht wenige Lehrkräfte, die nach Regeln verlangen. Das ist per se nicht schlecht und nachvollziehbar, denn Regeln machen Abläufe klar und bringen oft dort Objektivität, wo bei Spielraum das Urteil subjektiv sein kann: Was passiert, wenn ein Schüler Kaugummi kaut? Das Handy nutzt? Zu oft aufs Klo geht? Schnell verlangt man nach Regeln. Das Problem: Jede Regel verengt den Ermessensspielraum: Plötzlich “kann” ich keine bessere Note mehr geben, weil das Notenprogramm eine 2,52 anzeigt. Ich kann keine pädagogische Entscheidung treffen, die auf meinem Urteil beruht. Weil ich beispielsweise weiß, dass das Kind mit seiner schwer kranken Mutter in Kontakt bleiben will. Alles nur Beispiele.

Im größeren Rahmen zeigt sich die Spannung zwischen regelbasierten Abläufen und gestaltbaren Freiräumen bei allem oder vielem, was mit Veränderung der Schule und der Schulkultur zu tun hat. Ob nun Frei-Day oder die Verwendung von Poolstunden: Während die Befürworter schülerzentrierter Projekte darauf hinweisen, dass Schule sowieso schon zu sehr einengt, haben die anderen die Befürchtung, dass Freiräume ausgenutzt werden, man “nicht voran” oder “mit dem Stoff durch” kommt oder einige Schüler:innen an der Autonomie scheitern. Die Aufgabe von Schulleitungen (und Steuergruppen) ist es dann, den Widerspruch aufzulösen, und die Leitplanken für offene Settings so zu gestalten, dass sie Orientierung bieten ohne wieder in eine Taktung überzugehen, die keinen mehr Atmen lässt. Wie genau dies zu tun ist, dafür gibt es keine Blaupause. Dennoch folgen einige Überlegungen zu individuellen und schulischen Spielräumen.

Plädoyer fürs Loslassen I: Spielräume finden

Schon vor vielen Jahren habe ich mit Projektunterricht experimentiert. So wichtig individuelle Settings auch sind, es verändert sich Schule aber erst dann, wenn Freiräume institutionell verankert werden. Da hört man den Widerspruch schon raus.

So wichtig individuelle Settings auch sind, es verändert sich Schule aber erst dann, wenn Freiräume institutionell verankert werden.

Bob Blume

Das Problem besteht darin, dass gerade jene Kolleg:innen, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mitmachen wollen, Argumente dafür finden, warum alles beim Alten bleiben soll:

  • mit genau der Gruppe Schüler:innen geht das nicht

  • man hat weniger Zeit für “echten” Unterricht

  • schüler:innen können nicht autonom arbeiten

  • der Lehrplan wird vernachlässigt

  • man ist kein Experte in dem Thema

Und noch viele mehr. Solche Argumente und Bedenken sollte man erst nehmen, allerdings sind sie oftmals auch vorgeschoben. Denn, wie ich schon in einigen Vorträgen sagte: Menschen leiden oft lieber auf eine Art und Weise, die sie kennen, als sich auf Unbekanntes einzulassen, das sie weniger leiden lässt.

Menschen leiden oft lieber auf eine Art und Weise, die sie kennen, als sich auf Unbekanntes einzulassen, das sie weniger leiden lässt.

Bob Blume

Wenn wir die Argumente aber ernst nehmen, dann können wir sie zumindest hinterfragen.

  • mit genau der Gruppe Schüler:innen geht das nicht

Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass auch Schulen in herausfordernder Lage und mit Schüler:innen, die wenige Voraussetzungen mitbringen, offene Settings durchführen können. Wichtig ist dabei, dass Leitplanken ausgearbeitet werden und dass, wie bei einem Trichter, zunächst eng geführt und dann immer mehr lockergelassen wird. Schüler:innen, die jahrelang herkömmlich unterrichtet werden, kann man nicht einfach von heute auf morgen offen arbeiten lassen. Es braucht, wie oben beschrieben, einen Plan für das Ungeplante.

  • man hat weniger Zeit für “echten” Unterricht

Hier ist die Grundprämisse problematisch. Aber das Argument kommt oft: Die Schüler:innen seien sowieso schon schlecht, man brauche eher mehr “echten” Unterricht als Spielereien. Das verkennt, dass mehr vom Gleichen nicht zwangsläufig zu besseren Ergebnisse führt. Im Gegenteil: Offene Settings, die die Selbstwirksamkeit von Schüler:innen bei ihren eigenen Interessen fördert, haben massive Vorteile für den Fachunterricht, weil sie zeigen, dass interessierte Anstrengungen Früchte tragen kann.

  • Schüler:innen können nicht autonom arbeiten

Häufig, aber ungefähr so überzeugend wie: Die können noch nicht schreiben, also brauchen wir es ihnen nicht beibringen. Autonomie ist keine Voraussetzung, sondern Zielsetzung. Ein Grund für offene Settings ist es ja gerade, Schüler:innen in die Autonomie zu führen. Also: Nein, können sie vielleicht nicht. Wie auch?

  • der Lehrplan wird vernachlässigt

Das häufige Argument erinnert mich an die Überschrift eines Kapitels der “10 Dinge”: Der Stoff steht über allem. Die Sache ist die: Erstens wissen sowieso alle, dass man nicht mit allem “durchkommt” und dann am Ende des Schuljahres noch schnell ein Wissen2Go-Video schaut, damit man ein gutes Gewissen haben kann. Und zweitens muss Projektunterricht oder ein offenes Setting gar nicht im Widerspruch zum Lehrplan stehen, der ja kompetenzorientiert ausgerichtet ist. Öfter als man denkt ergeben sich hier Chancen, das eine mit dem anderen zu verbinden.

  • man ist kein Experte in dem Thema

Es ist schon interessant, dass Lehrkräfte von Schüler:innen verlangen, Experte in allem zu werden, was sie selbst können, und dann gleichzeitig Angst vor dem Neuen haben. Aber es ist doch so: Wir alle waren mal weniger Experten in den Dingen, die wir gemacht haben. Man wächst mit den Aufgaben und im besten Fall lernt man noch dazu.

Berichtet gerne von euren Erfahrungen mit neuen, offenen Settings. [email protected]!

Plädoyer fürs Loslassen II: Irritationen produktiv nutzen

In dem ersten Teil des Newsletters ging es um das Finden von strukturellen Freiräumen. Das ist eine gemeinschaftliche Aufgabe, die extrem wichtig, aber auch anstrengend ist. Schneller ändern kann man sich selbst, was nicht heißt, dass es einfach ist. Kurz nachdem dieser Newsletter erschienen ist, wird es ein neues Journal für Lehrkräfte geben, bei dem ich Herausgeber bin. In meinem ersten Beitrag schreibe ich über Irritation als Möglichkeit, Lernen zu gestalten.

Nun ist es nicht mein Anliegen, alles, was ich dort schreibe, zu kopieren oder vorwegzunehmen. Aber den Hinweis auf Irritation als Lerngelegenheit finde ich wichtig. Dabei geht es weniger darum, mit einer Ritterrüstung in die Klasse zu treten, wie man es vielleicht von übereifrigen Referendaren kennt. Sondern die Irritation ist ein Mittel, Lernen erfahrbar zu machen, wie Douglas Yazek in seinem Buch “Begeisterung wecken” schreibt (mit ihm habe ich auch in “Die Schule brennt” gesprochen). Begeisterung zu wecken, finde ich in Zeiten von KI besonders relevant, weil Begeisterung eine Verteidigung gegen Indifferenz ist. Wie aber kann eine produktive Irritation aussehen? Das kommt ganz drauf an. In dem Beitrag in “schulzeit.” schreibe ich darüber, wie ich einmal ans Telefon gegangen bin und den Anrufer, ein Journalist, von der Klasse befragen ließ. Dasselbe tat ich auch geplant mit meiner Oma, die von ihrer Flucht aus Polen berichtete. Geplant sind die Irritationen vielleicht weniger krass, sie bleiben aber kognitiv anregend, und genau darum geht es ja.

Ein anderes Mal ging ich mit der Klasse raus, an mein Auto, machte ein Lied an, das thematisch in die Lebenssituation der Schüler:innen passte und diskutierte dort mit ihnen darüber. Hätte ich auch eine Box in die Klasse tragen können? Sicher. Aber gerade die Bewegung, die Spannung und die skurrile Situation des gemeinsames Umkreisens des Autos sorgte für einen verschobenen Kontext. Man könnte auch sagen, die Situation war ver-rückt.

All das schreibe ich deshalb, weil ich es wichtig finde, darüber nachzudenken, wie man auch als einzelner Lernsituationen schaffen kann, die berühren und hängen bleiben. Die die Welt mit der Schule verbinden und den Kindern die Relevanz von Lernen näher bringen. Dies ist, wie so oft, ein Impuls, kein Imperativ. Vielleicht fällt euch keine irritierende Situation ein. Kein Problem. Aber vielleicht habt ihr eine Idee, wie man ein Phänomen, das normalerweise an den jungen Leuten vorbei rieselt wie ein kurzer Schauer, so verpacken kann, dass er hängen bleibt. Falls ihr etwas im Sinn oder sogar schon ausprobiert habt, schreibt gerne an: [email protected].

Download der Woche: KI Einsatz in Schulen

Über Bluesky wurde ich von jemandem angeschrieben, der mir sagte, ein KI-Konzept für Schulen entwickelt zu haben. Ob ich daran Interesse hätte. Hatte ich. Dazu schreibt mir die Person, dass sie ein kleines Projekt für Schulentwicklung habe. Das Material bietet exzellente Überlegungen und Hinweise zur Arbeit mit KI. Ich bedanke mich an dieser Stelle herzlich und freue mich, wenn es euch auch so gut gefällt.

KI Einsatz in Schulen.pdf

KI Einsatz in Schulen

2.91 MBPDF File

Video der Woche: Nachrichtenflut

Schon die letzten beiden Wochen hat der Medienexperte Clemens Beisel ein Video bereitgestellt, mit dem man zusammen mit dem Kind (oder in der Schule) über die Handynutzung sprechen kann (schaut euch das gerne nochmal beim letzten Newsletter an). Das neue Video, indem es darum geht, wie viele WhatsApp-Nachrichten man bekommt, ist Teil des Formats “Family Update” auf seiner Seite “Clemens hilft!” Klickt einfach auf das Bild oder auf den blau unterlegten Link und schaut es euch mit euren Kindern an.

Veranstaltungs- und Veröffentlichungshinweise

Auftritte: Didacta

Wenn ihr schonmal auf der Didacta wart, wisst ihr bestimmt, wie viel Eindrücke es gibt und wie überfordert man sich fühlen kann. Oft schafft man es gar nicht zu den einzelnen Events. Dennoch an dieser Stelle eine Liste, wo ich wann sein werde:

  • Am 10. März mache ich einen Presserundgang mit dem Duden-Verlag. Los geht es 12:30, Halle 7, Stand D035

  • Am selben Tag bin ich auf einem Panel zum Thema “Von der Schule in den Job”. 14:00-14:45, Halle 6 E70/f79

  • Am 11. März werde ich zusammen mit Julia Knopf, Armin Himmelrath und Clemens Beisel Bildungsmythen entlarven. 14:30-16:30, Halle 7, B10/C11

  • Am 12. März werde ich mit Marina Weisband und Katharina Zweig darüber sprechen, was Bildungsinstitutionen in Zeiten des Rechtsrucks tun können. 13-14 Uhr, Halle 8.1., Stand B018.

  • Am selben Tag geht es 14 Uhr mit einem Meet & Greet weiter, bei dem wir den Launch des neuen Lehrerjournals “schulzeit.” feiern. Halle 08.1, Stand B018.

  • Und auch am 12. März findet von 15:05-16 Uhr eine Live-Aufnahme von “Die Schule brennt” mit Saskia Niechzial statt. Thema: Was brauchen eurodivergente Kinder? Halle 08.1, B044/C045

Auftritte: Leipziger Buchmesse

Auf der Leipziger Buchmesse habe ich auch einige Termine, deren Orte und Zeit ich noch nicht genau kenne. An dieser Stelle vielleicht drei spannende Termine:

  • Am 20. März um 13 Uhr geht es beim Forum Offene Gesellschaft um “Kinder zwischen Algorithmus und Aufklärung”. Halle 5, K500

  • Am selben Tag am Rande der Leipziger Buchmesse findet im Thalia Leipzig eine Lesung meines Buches “Wie kommt mein Kind gut durch die Schule?” statt. Beginn ist 17 Uhr, Tickets können erworben werden.

  • Am 21. März bin ich auf der 3Sat Literaturbühne und spreche unter anderem über mein neues Buch. Das Gespräch findet von 14:20 bis 15 Uhr statt. Ort: Glashalle Ebene 0. Die Gespräche werden live in den Mediatheken von ZDF, ARD Kultur und 3Sat gestreamt.

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